„Frieden ist zärtlich“

Aus der „Berufsschule III“ wird eine Marianne-Rosenbaum-Schule.

Als einzige der drei Straubinger Berufsschulen hatte bisher die Berufsschule III für Floristik, Landwirtschaft und Gartenbau mit den Berufsfachschulen für Kinderpflege, Sozialbetreuer, Ernährung und Versorgung keinen Namenspatron. Die Berufsschule I für gewerblich-technische Berufe erhielt bereits 1968 den Optiker und Physiker Joseph von Fraunhofer als Paten, die kaufmännische Berufsschule II nennt sich seit 1997 nach dem Geologen und Mineralogen Mathias von Flurl. Am 30. November 2012 wird nun der Berufsschule III der Namen „Marianne-Rosenbaum-Schule“ verliehen. Das Lehrerkollegium hat sich nach einem langen und intensiven Entscheidungsprozess „für eine moderne, zeitgenössische Frau“ entschieden, für die Filmmacherin und Künstlerin Marianne Rosenbaum, da sie „durch ihren Einsatz für Frieden und Toleranz das im Leitbild der Schule verankerte Anliegen, die Vermittlung von Werten, widerspiegelt“.

 

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Als Fünfjährige musste Marianne Worlicek aus ihrer Heimatstadt Leitmeritz in Böhmen, wo sie am 22. Mai 1940 geboren worden war, fliehen und kam in das niederbayerische Sossau bei Straubing. Über ihre neue Heimat urteilte sie später: „Sossau lieb‘ ich noch viel mehr. Hier bin ich nach dem Krieg aufgewachsen, habe das Dorf mit seinen 40 Hausnummern auswendig gekannt. Das war wunderbar. Ich wußte, was in jedem Speicher passiert.“ Bereits während der Schulzeit am Johannes-Turmair-Gymnasium wurde sie von ihrem Kunsterzieher Karl Tyroller gefördert, nach dem Abitur studierte sie Malerei an der Münchner Kunstakademie. 1965 führte sie ein Stipendium der Deutschen Akademie Rom in die renommierte Künstlervilla Massimo. Auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten, mit denen sie in die „Köpfe und Herzen“ der Menschen eindringen könnte, wechselte sie vom statischen zum bewegten Bild. Von 1967 bis 1972 erlernte sie an der Prager Filmakademie das Regiehandwerk, „in und zwischen den Manövern des Warschauer Paktes und der Nato“, wurde dann freie Mitarbeiterin bei ARD und  ZDF. Zusammen mit ihrem Mann, dem syrischen Filmregisseur Gérard Saaman, gestaltete sie z.B. die bekannte Kinderserie „Neues aus Uhlenbusch“, schuf zahlreiche Dokumentarfilme, unter anderem über Überlebende von Konzentrationslagern oder über Konstantin Wecker, der ihr auch als Filmkomponist zur Seite stand.


1982 drehte Marianne Rosenbaum, so ihr Künstlername, in Straubing ihren ersten und zugleich bekanntesten Kinofilm „Peppermint Frieden“. Er erzählt die Nachkriegs- und Besatzungszeit aus der Sicht eines kleinen Mädchens, erlebt von Marianne Worlicek, gespielt von Saskia Tyroller. Die Dorfkinder sind verängstigt von den zurückliegenden Bombenangriffen, leben in der Furcht vor einem neuen Krieg, einem Atomkrieg, sind umgeben von einer leibfeindlichen Doppelmoral: „Wenn den Menschen die Lust genommen wird, wenn die Körperteile, die Lust bringen, zur Tabuzone erklärt werden, suchen sie sich eine negative, sich selbst und andere zerstörende Lust, durch die auch unter anderem Krieg ermöglicht wird.“ Marianne und ihre Freunde, lebenshungrig und neugierig, beobachten die Affäre zwischen Fräulein Nilla, dargestellt von Cleo Kretschmer, und „Mister Freedom“, einem amerikanischen Besatzungssoldaten, gespielt von Peter Fonda. Er beschenkt die Kinder mit Kaugummi: „Der Frieden schmeckt nach Pfefferminz.“


„Peppermint Frieden“ wurde viel gerühmt: „ein verträumter und zugleich illusionsloser Schwarzweißfilm“, „politisch präzise und ehrlich“, „sensibel und zugleich aktuell“. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Max-Ophüls-Preis der Stadt Saarbrücken. Beispielhaft drückt er Rosenbaums Kampf gegen jede Form von Gewalt aus, gegen Krieg, Zerstörung und Unterdrückung. Voller Idealismus versuchte sie nicht nur mit den Mitteln der Kunst zu Humanität und Zivilcourage, zur Solidarität mit den Schwachen aufzurufen. Sie wurde selbst aktiv, setzte sich ein für Randgruppen der Gesellschaft, denn: „Wir sind nicht nur Geschichtsträgerinnen, sondern auch Geschichtsmacherinnen.“ So gründete sie zum Beispiel in Straubing eine Bürgerinitiative, um die Lebenssituation der Sintis zu verbessern, stieß hierbei – auch wegen ihrer unbeirrbaren Art – nicht nur auf Wohlwollen.


Ihre weiteren großen Filme wie „Sonntagskind oder der Umstände halber“ (1988) nach dem bekannten Kinderbuch von Gudrun Mebs und „Lilien in der Bank“ (1996) mit Georg Thomalla, Katharina Thalbach und Nina Hagen konnten an den Erfolg von „Peppermint Frieden“ nicht anknüpfen. „Ihr poetisch-schwermütiger Stil passte wohl nicht in die immer mehr auf Unterhaltung setzende Filmbranche.“, wie ein Filmkritiker formulierte.
Die Künstlerin, die auch an der Münchner und Potsdamer Filmhochschule unterrichtete und Mitglied der Akademie der Künste in Berlin war, starb nach einer längeren Krebserkrankung am 29. Oktober 1999 in München. Es blieb keine Zeit mehr für ihre Wünsche: „Peppermint Frieden“ mit einem Film namens „Rimini oder die vertagte Zeit“ fortzusetzen, und „dann – dann werde ich nur noch schwimmen, tanzen und lieben“.

 

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Mit Straubing blieb Marianne Rosenbaum über Freunde verbunden. Zudem hinterließ sie in dem 1963 erschienenen Büchlein „Straubing“, das Marzell Oberneder verfasste und Paul Brenner typographisch gestaltete, Illustrationen, die, „Inbilder, nicht Abbilder der Stadt Straubing“ sind. Den Gegensatz zu dieser bibliophilen Kostbarkeit bildet ihr 1965 geschaffenes monumentales Glasfenster in der Chorscheitelkapelle der Kirche St. Jakob mit dem Thema „Christus, der kommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten“. In und mit diesem Fenster  – eine in Blautönen gehaltene Apokalypse, die den Betrachter in Raum und Zeit entführt – hat die Künstlerin ihrem Lebensthema ein zeitlos gültiges Monument gesetzt, ihrer Sehnsucht nach Frieden.

Dr. Dorit-Maria Krenn

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