„Frieden ist zärtlich“

Zwischen 1977 und 1980 hat Marianne mit der Kamera Gespräche mit Zeitzeugen aufgezeichnet, die die Konzentrationslager Theresienstadt, Dachau und Auschwitz überlebt hatten. Eine Jüdin, ein Kommunist, ein Zigeuner. Ich meine, der Arbeitstitel habe 'Straubing und die ganze Welt' gelautet, aber vielleicht verwechsle ich da etwas, das ist ja schon eine Zeit her. Der Film ist meinem Wissen nach nie fertiggestellt worden. Vermutlich hat das Thema 'Konzentrationslager' damals in den Fernsehanstalten noch niemand so recht interessiert, zu viele Mittäter, Mitwisser und Mitverantwortliche waren ja noch am Leben. Ganz sicher dienten diese Erlebnisberichte Marianne als Vorarbeiten zu ihrem Film 'Peppermint-Frieden'. Was hinter den Stacheldrahtumzäunungen der Lager geschehen war, wollte sie genau wissen und sich vorstellen können.

Während der Arbeiten am Drehbuch zu Peppermint-Frieden änderte Marianne ihren Namen von Marianne Samaan-Worlitschek in Marianne S.W. Rosenbaum - ein Künstlername. Sie war bei Recherchen auf einen entfernten jüdischen Vorfahren dieses Namens gestoßen. Und wie bei allem, was sie tat, steckte auch hinter diesem selbstgewählten Namen eine entschiedene  Aussage. Sie wollte mit dem Namen Rosenbaum ihr Mitgefühl und ihre Solidarität mit den während der Nazizeit ausgegrenzten, verfolgten und ermordeten Juden zum Ausdruck bringen und mit dem selten gewordenen Namen daran erinnern, dass einstmals in Europa Millionen Juden lebten, die vor ihrer Ermordung ihrer Namen beraubt und mit auf die Haut tätowierten Nummern entmenschlicht wurden. Nummern.

Sie wählte den Namen auch des Bildes und des Klanges wegen. Rosenbaum – ein Baum voller Rosen. Das gibt es natürlich nicht, aber vorstellen kann man sich einen solchen Baum schon. Blumen, Rosen mochte Marianne sehr, sie hat damit immer die Wohnung ausgeschmückt. Und zu Bäumen hatte sie eine besondere Beziehung: weil sie Ruhe und Kraft ausstrahlen. So hieß denn auch die gemeinsame Produktionsfirma, die Marianne, Gérard, Beate Rose und ich 1978 gegründeten 'Baum-Film', ein Vorschlag Mariannes. Und so heißt meine Firma noch heute.

1982 also 'Peppermint-Frieden'. Marianne hatte mir im Vorjahr die Regieassistenz angeboten. Ich sagte zunächst zu, die Finanzierung des Films war aber noch ungewiss und verzögerte sich, deshalb habe ich eine Dozentenstelle an der Berliner Filmakademie angenommen. Im Nachhinein schade, gerne hätte ich mit Stars und Schauspielern wie Peter Fonda, Cleo Kretschmer, Hans Brenner, Konstantin Wecker und Siggi Zimmerschied zusammengearbeitet, aber ich hatte einen Vertrag mit der Filmakademie.

Marianne wollte Fonda unbedingt für eine der Hauptrollen in 'Peppermint-Frieden': den Mister Frieden, einen in der Straubinger Garnison stationierten amerikanischen Besatzungssoldaten, der eine verbotene Liebesbeziehung mit einem deutschen 'Fräulein' in Sossau hat. Sie wollte ihn nicht nur als internationalen Star und Zugpferd für den Film: sie hielt ihn für die beste Besetzung. Das hat sich bewahrheitet, aber der Weg war nicht einfach. Wie kommt man an einen Hollywood-Star heran und überzeugt ihn, in Straubing, genauer gesagt in Sossau, bei einem Film mitzuspielen? Marianne hat es geschafft. Ich erinnere mich, wie sie eines Tages ganz begeistert war: 'Ich habe gestern mit ihm telefoniert, der macht mit!' Auch über das Honorar konnte man sich einigen – Stars sind ja normalerweise teuer. Peter Fonda bekam ein in Bayern hergestelltes schweres Motorrad als Gage. Und drehte in Sossau mit deutschen Schauspielen und mit Laien aus Mariannes Straubinger Umfeld. Aber was heißt da Laien! Ganz hervorragend und zu Herz gehend zum Beispiel Saskia Tyroller in der Hauptrolle als kleine Marianne, da mussten sich die Profis ordentlich anstrengen!

Peppermint-Frieden wurde ein großer Erfolg. Er bekam etliche Preise auf internationalen Festivals, und allein in München lief der Film 31 Wochen im Kino. Hier eine kleine Auswahl der durchgehend begeisterten Filmkritik. Der Londoner Guardian schrieb: 'Einer der besten deutschen Filme des Jahres, mit Peter Fonda in einer der interessantesten Rollen, die er sein langem hatte. Die Kinder sind großartig'.

Der Züricher Tages-Anzeiger: 'Ein verträumter und zugleich illusionsloser Schwarzweißfilm, einer der erstaunlichsten Erstlinge aus der BRD seit langem'.

Gunnaer Bergdahl von Stockholms Tidningen: 'Den besten Film der Berliner Filmfestspiele habe ich abseits der Wettbewerbsfilme gefunden. Es war der unglaublich reife Debutfilm 'Peppermint-Frieden' von Marianne Rosenbaum'.

Und der Stern schrieb: 'böse, genau und liebevoll komisch…die wichtigste deutsche Kinopremiere seit langem'. Die französische Fachzeitschrift Cinéma: 'Seit dem Tod Fassbinders haben wir keinen so originellen und intelligenten deutschen Film mehr gesehen'.

Der Film traf mit seiner Thematik – Mariannes autobiografisch erzählten Kriegs- und Nachkriegserlebnissen – den Nerv des Publikums. Es war die Zeit der Friedensbewegung, ausgelöst durch einen Beschluss der Nato, des westlichen Verteidigungsbündnisses. Vergessen wir nicht: damals herrschte noch Kalter Krieg, der sogenannte Eisernen Vorhang trennte unüberwindlich die Länder Ost- und Westeuropas.

Die Nato hatte 1979 beschlossen, gegenüber der Sowjetunion in Westeuropa mit Atomsprengköpfen ausgestattete Raketen und Marschflugkörper zu stationieren. Eine Protestwelle durchzog Westdeutschland und Westeuropa, es kam zu zahllosen Demonstrationen. Allein am 10. Oktober 1981 demonstrierten 300.000 Menschen gegen die sogenannte 'Nachrüstung' in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn. Ein Jahr später, am 10. Juni 1982, waren es 400.000.

Durch ihre Kindheitserfahrung war es für Marianne ganz selbstverständlich, nein, ich muss sagen zwingend, sich der Friedensbewegung anzuschließen. Die traumatischen Kriegserlebnisse, ihre kindliche, aber deshalb nicht unbegründete Angst vor einem Atomkrieg zu Beginn des Koreakrieges 1950, hatten sich tief eingeprägt. Die Sorge um die Zukunft ihrer Tochter, aller Kinder, schrie nach Handeln. Sie hat mitdemonstriert, saß auf Diskussionspodien, hat die Menschen in ihrem Umfeld darauf angesprochen, wie wichtig es doch ist, abzurüsten statt aufzurüsten. Dass die Aber-Milliarden, die in die Rüstung fließen, gegen den Hunger der Welt eingesetzt werden müssen, dass die Menschen endlich zur Vernunft kommen müssen.

Marianne hat ihre Kriegsangst umgewandelt in Engagement und Energie für den Frieden. Frieden, das bedeutete für sie nicht nur die Abwesenheit von Krieg, sondern immer auch soziale Gerechtigkeit und Ausgleich. Davon sind wir noch ziemlich entfernt.

Aber hat sich nicht doch etwas bewegt? Tschechien, das Land, aus dem Marianne 1945 vertrieben wurde, ist heute Mitglied der Europäischen Union. Der Eiserne Vorhang ist gefallen. Europa, dessen Länder und Völker sich in vergangenen Jahrhunderten sinnlos abgeschlachtet haben, hat sich zusammengeschlossen, auch wenn das nicht so einfach war und ist. Mit Russland, in das Mariannes und mein Vater einmarschiert sind, pflegen wir heute freundschaftliche, wenn auch nicht immer unproblematische Beziehungen. Das sind Fortschritte. Fortschritte, die nicht nur einfach zwischen Politikern, Wirtschaftschefs und Militärleuten ausgehandelt werden. Ohne die Kontrolle und das Engagement der Bürger geht das nicht. Es hat eben doch einen Sinn, sich einzumischen, was zu tun, sich nicht alles gefallen zu lassen. Auch wenn man nicht gleich Erfolge sieht. Das war Mariannes Überzeugung; sie hat diese Überzeugung gelebt, sehr intensiv.

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