„Frieden ist zärtlich“

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Rede von Herrn Christoph Boekel anlässlich der Namensverleihungsfeier

 

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Guten Morgen, mein Name ist Christoph Boekel, und ich bin Filmemacher.

Marianne Rosenbaum und ihren Mann Gérard Samaan habe ich 1973 zu Beginn meines Studiums an der Münchner Filmhochschule kennengelernt. Sie waren beide meine Lehrer und haben uns Studenten bei unseren ersten Film-Schritten mit höchstem  Engagement und liebevoller Zugewandtheit begleitet. Das war man damals als Student nicht gewohnt, und ist es - glaube ich - heute noch weniger.

Das Wesentliche, was man handwerklich über die Filmkunst wissen muss, habe ich von Marianne und Gérard gelernt. Und nicht nur das. In unseren oft nächtelangen Diskussionen ging es immer wieder um die ethisch/moralische Haltung gegenüber dem Filmemachen, um die Integrität der Regisseurin oder des Regisseurs. Mit Film kann viel Schindluder getrieben werden: Manipulation, Verdummung, Propaganda, die Vermittlung eines zynischen Welt- und Menschenbildes – in Deutschland zwischen 1933 und 1945 hat man es erlebt. In unseren Gesprächen ging es um die Verantwortung  gegenüber dem Publikum, der Öffentlichkeit, der Gesellschaft. Von Marianne und Gérard habe ich in diesen Gesprächen ganz Grundsätzliches gelernt, das mich bis heute in meinem Beruf begleitet und mir Orientierung gibt. So soll Lehren und Lernen aussehen.

Deshalb bin ich froh, und stolz darauf, Ihnen anlässlich der Namensgebung Ihrer Schule zu 'Marianne-Rosenbaum-Schule' über meine Lehrerin und Freundin erzählen zu dürfen. Marianne hat mir gegenüber immer wieder über ihre Kindheit und Jugend gesprochen, vieles wusste ich aber nicht. So wurden meine Nachforschungen für diese Rede zu einem spannenden Gang durch die Zeitgeschichte. Und ich habe verstanden, dass Mariannes Lebensthemen, die ihr Kreativität und Stärke gaben, in den Urbildern ihrer Kindheit liegen.

Marianne ist am 22. Mai 1940 in Leitmeritz in Böhmen geboren, mit dem Mädchenname Marianne Worlitschek, erst später nannte sie sich mit Künstlername Rosenbaum – ich werde darauf noch zurückkommen. Worlicek, das ist Alttschechisch und bedeutet so viel wie 'Adlerchen' oder 'Kleiner Adler'.

Leitmeritz, an der Einmündung der Eger in die Elbe gelegen, hat eine wechselvolle Geschichte. Bis zum Ende des 1. Weltkrieges, 1918, gehörte es zu Österreich-Ungarn. Es liegt in einem Gürtel, der sich entlang der heutigen Grenze zwischen Deutschland und Tschechien zieht, der damals überwiegend von Deutschsprachigen besiedelt war, 60 Kilometer südlich von Dresden.

Nach dem Zerfall der Donaumonarchie 1918 wurde dieses Gebiet in den neugegründeten Staat Tschechoslowakei eingegliedert und war nun tschechisch. 1938 erzwang Hitler im sogenannten 'Münchener Abkommen' mit England und Frankreich die Abtretung des sogenannten 'Sudetenlandes' an das Deutsche Reich. England und Frankreich, denen die aggressive Aufrüstung in Deutschland nicht entgangen war, wollten Hitler besänftigen und hofften, durch die Abtretung einen drohenden Krieg verhindern zu können. Darin haben sie sich getäuscht. Die Deutschen Armeen haben kurze Zeit darauf ganz Europa mit Krieg, Besatzung und Terror überzogen. Am 1. September 1939 brach der 'Zweite Weltkrieg' aus.

Und hier würde mich Marianne entschieden, mit leichter Schärfe in der Stimme, unterbrechen, ganz sicherlich. 'Was sagst Du da! Kriege brechen doch nicht einfach aus! Sind denn Kriege Zirkuslöwen, oder Vulkane?! Kriege werden von Menschen gemacht - absichtlich! Geplant, vorbereitet, vorfinanziert! Und durch aufgebaute Feindbilder und Propaganda werden die Leute darauf eingestimmt: damit sie ihren Verstand ausschalten und ihre Gefühle wegknipsen! Krieg bricht nicht aus, Krieg ist ein organisiertes Verbrechen, an dem einige ganz gut verdienen!'

So war sie.

Marianne ist im Mai 1940 geboren, bereits im Krieg, und die Erlebnisse ihrer Kindheit haben sich tief in ihre Seele eingeschrieben. Vieles davon hat sie in ihrem wohl bekanntesten Film 'Peppermint-Frieden' – einem autobiografischen Kinofilm - später bearbeitet, verarbeitet und künstlerisch umgesetzt.

Zwei Kilometer südlich von Leitmeritz liegt Theresienstadt, ein Ghetto, das die Nationalsozialisten für die verschleppten Juden Europas einrichten ließen. Über 88.000 Menschen wurden von dort in die Vernichtungslager nach Riga und Auschwitz weitertransportiert, im Ghetto selbst starben 35.000 an Unterernährung und Seuchen. Bei Nacht konnte man im nahen Leitmeritz über den Kaminen des Krematoriums von Theresienstadt den Feuerschein aus den Verbrennungsöfen sehen.

Marianne hat ihn gesehen, und den Rauch, der tagsüber aufstiegt.

Den Kindern hat man vorgemacht, es sei dort eine Ziegelei. Marianne hat die Ohren gespitzt und aus den Gesprächen der Erwachsenen - hinter vorgehaltener Hand geführt - erfahren, dass 'Sie' dort Menschen verbrennen.

Diese mysteriösen 'Sies'. Damit waren die SS und ihre Schergen gemeint, aber das konnte die damals knapp Fünfjährige natürlich noch nicht wissen und verstehen. Aber eines verstand sie: dass hier was nicht stimmte und die Erwachsenen etwas vor ihr verbergen wollten – und die Unwahrheit sagten. Das ist eines ihrer Lebensthemen geworden.

Die 'Sies'. Marianne hatte als Kind einen juckenden Ausschlag an den Händen. Behandelt wurde sie von einem jüdischen Arzt, der dazu täglich ins elterliche Haus kam. Sie liebte ihn sehr, weil er verständnisvoll und phantasiereich im Umgang mit Kindern war. Eines Tages kam er nicht mehr. 'Wo ist der Doktor?' fragt Marianne. Die Großmutter sagt: 'Ich bin verreist, stand auf seiner Wohnungstüre. Wahrscheinlich haben sie ihn abgeholt.' Marianne fragt: 'Wer hat ihn abgeholt, wo ist er?' Der Mutter ist das äußerst unangenehm, man weiß ja nie, was Kinder auf der Straße so plappern. 'Er ist verreist, hast Du nicht gehört, er ist verreist'. Marianne: 'Aber Verreisen ist doch etwas  anderes als Abholen'. Die Mutter verbietet ihr den Mund.

In 'Peppermint-Frieden' gibt es eine Szene, in der die kleine Marianne mit ihrer Mutter durch Leitmeritz geht. Plötzlich bleibt die Mutter vor einem Schaufenster stehen. 'Schau, die schöne Auslage!' In der Auslage ist nichts zu sehen außer einer alten, umgefallenen Tasche. Aber in der Schaufensterscheibe spiegelt sich etwas. Eine Gruppe völlig ausgemergelter KZ-Häftlinge, denen die Kleider am Leibe schlottern, schleppt sich unter zackiger Bewachung über das Pflaster. Als die Mutter bemerkt, dass Marianne das sieht, hält sie ihr die Augen zu.

Die Häftlinge, die da durch die Straße getrieben wurden, mussten in einem am Ortsrand gelegenen ehemaligen Kalksteinbergwerk Stollen für unterirdische Produktionsanlagen zur Herstellung von Panzermotoren ausbauen. Jugoslawen aus dem KZ Dachau, KZ-Häftlinge aus Flossenbürg, russische Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter aus Holland, Belgien und Frankreich.

Von den 18.000 Häftlingen im Lager Leitmeritz, die ab März 1944 unter unmenschlichen Bedingungen dort zu arbeiten gezwungen wurden, starben, genauer gesagt 'verreckten', etwa 5.000 an Auszehrung durch endlose Arbeitstage bei minimaler Ernährung. Marianne hat sie in der Spiegelung des Schaufensters gesehen. Es hat sie erschreckt und nicht mehr losgelassen.

In Leitmeritz ist 1944 immer mehr vom Krieg zu spüren. Die Luftschutzräume werden nun wohnlich eingerichtet. Und im Februar 1945 wird es sehr unruhig am Himmel über Leitmeritz: hier, an einem aus der Luft gut auszumachenden Punkt, dem Zusammenfluss von Eger und Elbe, treffen sich britische und amerikanische Bomberverbände, um in Formation nach Dresden zu fliegen. Vom 13.-15. Februar dröhnen über Dresden vier Wellen von jeweils bis zu 530 Bomber hinweg und werfen mehr als 790 000 Bomben ab. Dresden, eine Stadt mit 650.000 Einwohnern brannte lichterloh. Im Feuersturm erstickten und verbrannten neueren Forschungen zufolge 25.000 Menschen.

Marianne hat die schwarzen Brandwolken gesehen, nachts den Feuerschein der brennenden Stadt am Himmel. Leitmeritz und Dresden liegen 60 Kilometer auseinander.

Marianne hat selbst einen Bombenangriff erlebt. In dem Büchlein, das sie zu 'Peppermint-Frieden' herausgegeben hat, beschreibt sie ihre Erinnerungen: 'Wir rannten von einem Keller zum anderen. In einem der Keller saß plötzlich Anna. Saß zwischen den Rennenden und rannte nicht. Rannte nicht, obwohl der Blockwart sie aufforderte, doch bitte weiterzugehen. Saß zwischen Bombenlärm und "Bitte Ruhe bewahren" mit offenen Augen, so seltsam offen. Ein kleines Blut lief aus ihrer Nase und dem Mund, und als ich sie rütteln wollte, zerrte Mutter mich weg. "Lungen zerplatzt, Lungen zerplatzt" sagte seltsam lächelnd eine alte Dame immer wieder.'

Warum ich Ihnen das alles so ausführlich erzähle?

Zum einen, weil ich mir gewiss bin, dass Marianne gewollt hätte, dass an die traumatischen Erlebnisse eines Kindes, die nun 68 Jahre zurückliegen – erst 68 Jahre! – erinnert wird. Als Warnung.

Zum anderen, weil das Erleben der Kriegszeit und des Nationalsozialismus ihr Handeln, ihre Haltung zu Politik und Gesellschaft, und ganz gewiss ihre künstlerischen Ausdrucksformen geprägt haben: ihr Leben.

In einem Interview Anfang der 90er Jahre sagte sie: 'Im Krieg geboren, bin ich vom Krieg programmiert worden. Wie die meisten aus meiner Generation, reagiere ich immer noch in den Mustern, dass irgendwo etwas Schreckliches seinen Anfang nehmen kann – und nicht zu Unrecht. Nach Tschernobyl war ich wie gelähmt.'

Ein weiterer Umstand hat Marianne 'vorprogrammiert': die Abwesenheit ihres geliebten Vaters. Er war Lehrer für Gebärdensprache, der Sprache, in der sich Hörgeschädigte verständigen. Ein sanfter, geduldiger Mensch. Er wurde zum Militär eingezogen. Marianne hat ihn in viel zu kurzen Fronturlaubstagen gesehen, geliebt, und ständig vermisst. 'Fotovater' nannte man das damals. Ein Foto auf der Kommode, und die ständige Angst der Mutter, es könne ein Schreiben eintreffen: '…ist Ihr Mann im heldenhaften Kampf für Großdeutschland am soundsovielsten gefallen.'

'Gefallen'. Das war auch so ein Wort, das Marianne in Rage bringen konnte: "Du fällst, wenn du zu schnell rennst und stolperst, oder wenn du zu besoffen bist. Aber im Krieg? Da haben Granaten die Menschenleiber zu Fleischfetzen zerrissen, Gewehrkugeln haben sie zu Tode gebracht, sie sind in abgeschossenen Flugzeugen am Boden zerschmettert worden, auf Kriegsschiffen und in Unterseebooten jämmerlich ersoffen, von Flammenwerfern verbrannt worden. Und viele andere Arten hat man sich ausgedacht, um Menschen das Leben zu nehmen. Das nennt man 'fallen'?!"

Mit verharmlosender oder lügenhafter Sprache hat Marianne es sehr ernst genommen. Sie hat schon als Kind gespürt und erlebt, dass es oft große Widersprüche zwischen dem gibt, was man selbst erkennen und fühlen kann, und dem, wie darüber gesprochen wird. Diese Widersprüche hat sie immer wieder in ihrer künstlerischen Arbeit dargestellt und aufgezeigt.

In meinem Büro steht ein mannshohes Bild, ein Entwurf, den Marianne nicht zu Ende geführt hat. Mit Bleistift skizziert sieht man einen Mann stehen, die Hände an der Hosennaht, wo das Herz ist, ist eine Zielscheibe, ein Fadenkreuz aufgemalt. Oben drüber hat sie geschrieben: 'Ich bin der Herr, Dein Gott 1. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben! 2. Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren 3. Gedenke, dass Du den Sabbat heiligst. 4. Du sollst Vater und Mutter ehren. 5. Du sollst nicht töten! Du sollst nur manchmal töten! Du sollst nur auf Befehl töten! Wenn Du einen bestimmten Dienstrang hast sollst Dubefehlen zu töten. Das Hauptgebot der Liebe heißt: Du sollst Deinen Nächsten Lieben wie Dich selbst. (Wenn er genauso für die freie Marktwirtschaft ist wie Du?) 7. Du sollst nicht stehlen. (Ein Grundstück für 50 000.- D-Mark einkaufen und für 750 000.- DM verkaufen ist nicht stehlen.)'

Daraus spricht der moralischer Rigorismus, der Marianne zu eigen war, und ihr Wille, wenn Anspruch und Wirklichkeit nicht übereinstimmten, den Widerspruch aufzuzeigen und sichtbar zu machen. Das hat nicht immer allen Mitmenschen gefallen: den Leisetretern, Kompromisslern, den Überängstlichen. Die meisten haben es an ihr geschätzt.

Nochmals zurück zum abwesenden Foto-Vater. Nach seinem letzten Fronturlaub 1945 sollte bald ein Jahr vergehen, bis Marianne ihn in Sossau bei Straubing wieder sah – eine lange Zeit für ein Kind. Sie hat ihn zuerst gar nicht erkannt, er war ihr fremd geworden. Bis zu ihrem sechsten Lebensjahr hatte sie fast ausschließlich mit der Mutter und der Großmutter gelebt – vaterlos. In dem bereits erwähnten Interview 1991 sagte sie bitter: 'Die Männer ziehen in den Krieg, um angeblich ihre Frauen und Kinder zu retten, und zu Hause gehen die Frauen und Kinder kaputt. Als ich meinen Vater gebraucht hätte, als die Bomben fielen, war er weit weg.''

Der Weg von Leitmeritz nach Sossau, das heute zu Straubing gehört, ist nicht mehr genau zu klären. Nachkriegswirren. Sicher ist nur, dass die Mutter, die Großmutter und Marianne  wie die meisten Sudetendeutschen vertrieben wurden. Sie sind irgendwie nach Sachsen in die sogenannte Ostzone gelangt, die russische Besatzungszone.

Marianne hat es so beschrieben: 'Dann waren wir unterwegs – immer ohne Zuzugsgenehmigung. Unterwegs zum Vater, von dem wir nicht wussten, wo er war. Mutters Füße eiterten, stanken, und der viel zu alte Verband klebte an den laufmaschigen Seidenstrümpfen. Wir blieben; hatten eine kurzfristige Zuzugsgenehmigung, die vielleicht zu verlängern war, ein Zimmer in einer Villa… Mutter und Großmutter schliefen in einem Bett. Ich lag eingerollt in einem viel zu kleinen Gitterbett und versuchte mich wegzuträumen. Und manchmal, wenn ich viel Hunger hatte, träumte ich sogar von Torten. Meistens aber träumte ich von Fallschirmseide, die ich den ganzen Tag zusammenknotete, damit Mutter daraus Taschentuchbehälter häkeln konnte, mit denen wir Geld verdienten.'

Man kann sich das Flüchtlingselend heutzutage kaum mehr vorstellen. Viel zu wenig Wohnraum in ausgebombten, von Menschen überfüllten Städten, unzureichende Lebensmittelrationen, elende hygienische Bedingungen - und die ständige Ungewissheit, was kommen wird.

Auch das hat Marianne geprägt. Auf eine mir sympathische Weise. Sie hat aus Überzeugung sehr bedürfnislos gelebt, heute würde man sagen 'ökologisch', oder 'nachhaltig'. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie jemals ein neues Möbelstück gekauft hätte. Alles stammte von Hausratssammelstellen oder vom Sperrmüll, wurde umgebaut, eingepasst oder mal schnell gestrichen. Sie fand die alten Sachen schöner, und verstand überhaupt nicht, warum man Brauchbares wegwerfen und für modisches Neues Bäume fällen soll. Auch die Haushaltsgeräte waren meist second hand. Mit Lebensmitteln ist sie sehr sorgsam umgegangen, wie viele Menschen, die Hunger und Unterernährung kennen.

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