„Frieden ist zärtlich“

Nochmals zurück. Im Winter 1945/46 kommt plötzlich ein Brief. Die Großmutter gibt ihn zitternd der Mutter und weint vor Freude 'seine Schrift', 'seine Schrift'. Die Mutter: 'Der Vater lebt…  hat sogar eine Stelle…. in Niederbayern in der amerikanischen Zone, wo es ganz viel zu essen gibt.'

'Dann – so schreibt Marianne – waren wir wieder unterwegs. In einem überfüllten, verplombten Viehwaggon, verschlossen, damit niemand zusteigen konnte, denn alle wollten in die amerikanische Zone.'

Zehn Tage dauerte die Fahrt, als Klo diente ein Kochtopf, dessen Inhalt durch eine Lucke hinausgekippt wurde. Nach 10 Tagen Endstation in Straubing. Die amerikanische Militärregierung hilft beim Weitertransport nach Sossau, zum Vater.

Straubing, kurz nach dem Krieg. Durch Luftangriffe waren 313 Gebäude völlig zerstört, 290 schwer beschädigt. Etwa ein Drittel des Wohnraumes war vernichtet. Dazu kamen nun etwa 8.000 Heimatvertriebene, die in einer Stadt untergebracht, verpflegt und integriert werden mussten, die selbst nichts mehr hatte. Die Tagesration eines Erwachsenen betrug damals: 3 Scheiben Schwarzbrot, ¼ Liter dünner Kaffee, ½ Liter Suppe mit Rübenschnitzeln und ¼ Liter Kräutertee. Die Integration so vieler Menschen war eine enorme Leistung, die der Stadt Straubing zu hohen Ehren gereicht. Marianne war 'ihrer' Stadt immer sehr dankbar. Sie hat sich zeitlebens als waschechte Straubingerin gefühlt.

1947 kommt Marianne in Sossau in die Schule. Wie damals oft üblich, eine zweiklassige Volkschule: Klasse 1-4 und Klasse 5-8 werden von je einer Lehrkraft gemeinsam unterrichtet. Die Sossauer Zeit, also die ersten Jahre nach Kriegsende, hat Marianne in ihrem Film Peppermint-Frieden festgehalten, aus ihrer Perspektive als Kind. Ihre Gefühle, ihre Ängste. Der kriegstraumatisierte Vater schreit im Schlaf unter Albträumen, ein amerikanischer Besatzungssoldat hat eine verbotene Liebschaft mit der Dorfschönen und wird von der Militärpolizei abgeführt, der Vater eines Spielkameraden hat keine Hand mehr sondern eine Prothese mit einem Haken dran, der Dorfpfarrer erschreckt die Kinder mit der Sünde der Unkeuschheit und der Syphilis, und nach Beginn des Krieges in Korea 1950 überfällt die damals 10jährige Marianne eine wahnhafte Angst vor einem Atomkrieg. Mehr verrate ich jetzt nicht, denn ich bin sicher, dass dieser Film an der Marianne-Rosenbaum-Schule immer wieder mal gezeigt werden wird.

Die Familie zieht von Sossau nach Straubing, Marianne kommt aufs Humanistische Gymnasium. Sie ist eine gute und begabte Schülerin. Zwei Erlebnisse während ihrer Schulzeit haben die Weichen für ihr zukünftiges Leben gestellt. Das Eine: 'Wahlzeichnen' bei Karl Tyroller. Der Zeichenlehrer Tyroller gab wöchentlich einen ganzen Nachmittag seiner Freizeit, um künstlerisch begabte Kinder zu fördern. Er unterrichtete sie in allen Maltechniken, bei Ausflügen an die Donau in Landschaftsmalerei, Zeichnen mit Modellen, sogar Freskotechniken wurden gelehrt. Marianne durfte ab ihrem 12. Lebensjahr bis zum Abitur am Wahlzeichnen teilnehmen. Sie hat Herrn Tyroller sehr verehrt. Er muss ein mitreißender Pädagoge gewesen sein.

Eine Mitschülerin, die zusammen mit Marianne das 'Wahlzeichnen' besuchte, erzählte mir vom gestalterischen Willen Mariannes mit bereits 15 oder 16 Jahren. Marianne habe sämtliche Möbel der elterlichen Wohnung weiß gestrichen, das habe toll ausgesehen, und, was für die damalige Zeit besonders außergewöhnlich ist: die Eltern haben es erlaubt.

Das zweite Erlebnis: Die Schulvorführung des dokumentarischen Films 'Nacht und Nebel' des französischen Regisseurs Alain Resnais. Es ist ein bedrückender Film über die Konzentrationslager der NS Zeit, der erste Film, der in Deutschland nach langem Beschweigen des Massenmordes aufgeführt wurde. Marianne hat ihn mit 18 oder 19 Jahren gesehen. Später erklärte sie in einem Interview: 'Dieser Film griff in mein Leben ein. Da teilte sich mein Leben in Davor und Danach.'

Der längst vergessene Rauch und Feuerschein über den Kaminen von Theresienstadt bekam nun eine reale Deutung, eine neue Dimension. Marianne verstand jetzt, was in unmittelbarer Nachbarschaft ihrer Geburtsstadt Leitmeritz geschehen war.

Nach dem Abitur macht Marianne die Aufnahmeprüfung an die 'Akademie der bildenden Künste' in München. Die Straubinger Familie Tyroller ist heute noch stolz darauf, dass Karl Tyrollers Anstrengungen mit seinem Kurs 'Wahlzeichnen' 1960 den prozentual höchsten Anteil der Studenten aus bayerischen Städten an der Akademie erreichte. Marianne wurde in die Klasse des renommierten Malers, Zeichners, Karikaturisten und Glasmalers Professor Josef Oberberger aufgenommen, er selbst war vormals  Meisterschüler Gulbranssons.

Schon während ihres Studiums hat Marianne Ausstellungen gemacht, Aufträge als junge Künstlerin bekommen und als Bühnenbildnerin und Ausstatterin an Theatern gearbeitet. Sie hat das Studium 1965 sowohl mit einem Diplom als auch dem Staatsexamen abgeschlossen, sie hätte also als Lehrerin in den Staatsdienst gehen können.

Doch sie hat sich auf das unsichere Terrain des Künstlerseins begeben.

Schon während des Studiums hatte sie sich um einen Auftrag bemüht – und hat ihn bekommen: die Gestaltung eines Glasfensters von St. Jakob. Bei den Bombardierungen Straubings wurden wertvolle Fenster zerstört. Eines davon hat Marianne 1965 neu gestaltet. Es ist eine Mahnung vor Krieg und Gewalt. Da war sie 25 Jahre alt. Sie kennen das Kirchenfenster, es ist auf der Einladung zum heutigen Tag abgedruckt.

Über Marianne als Malerin zu sprechen, fällt mir in diesem Zusammenhang schwer. Dazu müsste ich mehr Ablichtungen der Gemälde haben, die sich noch im Besitz ihrer Tochter befinden; die sind aber zurzeit unerreichbar eingelagert. Und natürlich hat Marianne in den 60er, 70er und 80er Jahre viele ihrer Bilder verkauft. Damals konnte man nicht wie heute mal schnell vorher ein Digitalfoto machen. Dennoch, ein paar Bilder kann ich Ihnen zeigen.

Ich will folgendes anregen: könnte man nicht in absehbarer Zeit in Straubing eine Ausstellung mit Mariannes malerischem Werk auf die Beine stellen? Ich und die anderen Freunde werden dabei gerne helfen.

1965 bewarb sich Marianne beim Deutschen Akademischen Austauschdienst um ein Stipendium für einen zweijährigen Studienaufenthalt in Rom, um die Malerei zu vertiefen. Sie hat dort auch an der Villa Massimo gearbeitet, der deutschen Akademie in Rom. Und sie machte ein Volontariat bei dem Kinoregisseur, Schauspieler und Drehbuchautor Pietro Germi. Der Name sagt heute wohl kaum jemand mehr etwas, aber die Älteren unter Ihnen erinnern sich vielleicht noch an den Film 'Scheidung auf Italienisch' mit Marcello Mastroianniin der Hauptrolle. Der Film brachte Germi einenOscar für das beste Drehbuch und eine Oscar Nominierung für die beste Regie ein.

In Rom  entdeckt Marianne den Film für sich. Aber lassen wir sie selbst sprechen: "Ich hatte für zwei Jahre ein Stipendium für Kunst in Italien. Dabei habe ich entdeckt, dass mir die statischen Bilder nicht reichen. Ich hatte vorher immer schon Serien gemalt mit Bildinhalten, die über den Rahmen hinausgehen. Immer schon habe ich geschrieben,  Geschichten und auch Gedichte, und habe mir eine Komplexität von allen Kunstarten zusammen gewünscht. Diese Komplexität  bot die Kunstakademie nicht, jede Abteilung war für sich, die Architekten waren für sich, die Maler und die Glasfenstermacher. Ich habe mir immer gewünscht, eine Einheit herzustellen, bin von einer Abteilung zur anderen gegangen und musste merken, dass es das in der Realität noch nicht gibt. Aber im Film gibt es diese Komplexität, dass Töne, Sprache, Bilder, Musik und Gebäude miteinander eine Ganzheit bilden. Ich habe dann in Italien die Regisseure und Filme der neuen tschechischen Welle kennengelernt. Und ich spürte, dass manche dieser Filme genau meiner Vorstellung entsprachen. Ich beschloss nach Prag auf die Filmschule zu gehen, ja, und dort war ich die einzige Westdeutsche, und die einzige Frau in meiner Klasse."

Die FAMU in Prag galt seinerzeit neben der VGIK in Moskau als eine der besten Filmhochschulen der Welt. Dort konnte man nicht mal eben so studieren. Man musste großes Talent mitbringen und eine schwierige, mehrstufige Aufnahmeprüfung durchlaufen. Marianne hat tschechisch gelernt und hat es geschafft. Für das fünfjährige Studium hat sie 1967 ihr zweites Stipendium vom Deutschen Akademischen Austauschdienst bekommen. In Prag hat sie den Syrer Gérard Samaan kennen und lieben gelernt. Er studierte in derselben Klasse ebenfalls Regie. Ihr gemeinsamer Lehrer war Elmar Kloss, der 1965 den Oscar für den besten fremdsprachlichen Film bekommen hatte. Die beiden haben ihre Übungsfilme meist zusammen gemacht. Ihren Abschlussfilm mit dem phantasiereichen Titel 'Wie der kleine Herr Soldat Joseph Neudenk die Logik vom Sonntag mit der vom Montag verwechselte' hat Marianne 1972 übrigens in Straubing im ehemaligen bischöflichen Knabenseminar gedreht. Ich habe den Film leider nie gesehen.

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