„Frieden ist zärtlich“

1970 haben Marianne Worlitschek und Gérard Samaan geheiratet, und weil es in Deutschland damals schon allein wegen der Papiere noch recht kompliziert war, einen Syrer zu heiraten, und in Prag auch nichts zu machen war, haben die beiden im südenglischen Seebad Brighton geheiratet.

Ab 1970 hat Marianne bereits als freie Mitarbeiterin fürs ZDF und den Bayerischen Rundfunk gearbeitet um sich zum Studium noch etwas zuzuverdienen.

Nach dem Studienabschluss 1972 in Prag haben Marianne und Gérard bis 1976 als Dozenten für Filmsprache und Bildgestaltung an der Hochschule für Fernsehen und Film in München unterrichtet und lebten zu dieser Zeit bereits in München. Da habe ich sie kennengelernt, und wir wurden Freunde. Sie haben die beiden ersten Übungsfilme begleitet, die Beate Rose, ich und andere mit gedreht haben, und das haben sie ganz offensichtlich sehr gut gemacht: der erste Film, eine Gruppenproduktion von drei Mitstudentinnen und mir mit dem Titel 'Zum Beispiel: Geschirrherstellung', ein Dokumentarfilm über den Prozess der Keramikherstellung und die Nöte der Akkordarbeiterinnen und -Arbeiter in einer Porzellanfabrik, wurde auf ein großes Filmfestival eingeladen und wurde vom WDR in Köln angekauft und gesendet. Das hatte es mit einem Erstlingsfilm bis dato nicht gegeben.

Der Deutsche Akademische  Austauschdienst hatte Marianne zwei Mal bei ihrer Aus- und Weiterbildung unterstützt, und so war selbstverständlich für sie, nun auch etwas für diese Einrichtung zu tun. Von 1972 bis 1975 war sie Mitglied der Jury für Bildende Kunst und Film, die über die Vergabe von Förderstipendien entschied.

Zwischen 1972 - dem Jahr des Olympia- Attentats in München auf israelische Sportler durch die palästinensische Terrororganisation 'Schwarze September' - und 1976 hat Marianne mit ihrem arabischen Ehemann Gérard und der israelischen Regisseurin und Kamerafrau Nurith Aviv an einem Drehbuch mit dem Titel 'Kajs Romeo Salam und Julia Recha Schalom' gearbeitet. Zu Deutsch: 'Kajs Romeo Frieden und Julia Recha Frieden' – ein programmatischer Titel. Eine Liebesgeschichte zwischen einem Araber und einer Israelin, in der die Feindschaft zwischen Arabern und Juden durch Einsicht und Liebe beispielhaft aufgelöst wird. Ein Film also, der gemeinsam von einem Araber, einer Jüdin und einer Deutschen geschaffen werden sollte, schon allein das sollte Aussöhnung und gemeinsame Arbeit für eine friedliche Zukunft symbolisieren.

Versöhnung, das war eines der Lebensthemen Mariannes, das immer wieder Raum in ihren Filmen einnahm. Sie hat dazu einmal gesagt: "Ich kann mit den Begriffen Schuld und Unschuld nichts anfangen. Mich interessiert: warum tut jemand etwas oder warum tut er es nicht. Ich versuche, in meinen Filmen nicht zu zeigen, wer ist der Böse, wer hat alles kaputtgemacht, sondern: wie können wir gemeinsam – egal, welche Vergangenheit wir hatten – in der Gegenwart etwas für die Zukunft tun. Dass unsere Kinder in Zukunft weiterleben können. Es sind ja lange Zeit Filme gemacht worden, die immer nur Schuldige gesucht haben. Zum Beispiel Krimis, die die Medien beherrschen, sind immer auf dem Muster von Schuldsuche aufgebaut: als ob die Welt nur aus Opfern und Tätern bestünde. Ich glaube, die Zeit für solche Räuber- und Gendarmgeschichten ist vorbei. Denn wir wissen mittlerweile, dass wir alle im selben Boot sitzen."

Der Film 'Kajs Romeo Salam und Julia Recha Schalom' konnte nie realisiert werden, die Finanzierung kam nicht zustande. Vermutlich, weil den Fernsehgewaltigen das Filmprojekt zu weltfremd und zu utopisch erschien.

Utopie: Darin sah Marianne eine große schöpferische Kraft. Eine Kraft, mit der die Menschen die Zukunft beeinflussen können. Sie war der Überzeugung, dass alles, was man sich vorstellen kann, in der Zukunft Wirklichkeit werden kann, wenn man sich dafür einsetzt, jeder einzelne - gemeinsam mit vielen anderen. Versöhnlich. Und kämpferisch, wenn es darum geht, die Herzen und den Verstand der Menschen für eine gemeinsame,  gerechte Zukunft zu gewinnen.

Für diese Haltung ist sie oftmals als Moralistin und unverbesserliche Welt-Erretterin belächelt worden. "Du kannst doch eh nichts ändern, das war doch schon immer alles so, wie willst Du da was ändern?" Das hat sie oft zu hören bekommen. Sie hat insistiert: 'Wichtig ist, dass wir uns über unsere Visionen von der Zukunft klar werden. Wenn wir sagen, die da oben bestimmen sowieso alles, schwächen wir uns." Das war Mariannes Glaubensbekenntnis  für bürgerschaftliches, demokratisches Handeln.

So hat sie sich in den 70er Jahren der Anti-Atomkraftbewegung angeschlossen. 'Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv' lautete ein Slogan dieser sozialen Bewegung, die vor den Gefahren der zivilen Nutzung der Atomenergie warnte. Damals rechneten die Manager der Atomindustrie der Bevölkerung vor, statistisch gesehen könne sich ein größter anzunehmender Unfall in einem AKW höchstens ein Mal in zwei Millionen Jahren ereignen. Dann wären seit Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima nunmehr sechs Millionen Jahre vergangen. Utopisten wie Marianne, die für einen sofortigen Ausstieg aus der Atomtechnologie und eine grüne Energiepolitik eintraten, wurde damals höhnisch unterstellt, sie wollten die Gesellschaft in die Steinzeit zurückwerfen. Heute ist Mariannes Utopie in Deutschland regierungsamtliche Politik. Die Argumente gegen die Nutzung der Atomenergie und für eine Energiewende haben sich durchgesetzt.

Und selbstverständlich hat sich Marianne zu Beginn der 70er Jahre der damals neu entstandenen Frauenbewegung angeschlossen. Frauenbewegung? Man muss sich in Erinnerung rufen, dass in Deutschland das Wahlrecht für Frauen erst 1918 eingeführt wurde, und erst 1949 wurde die Gleichstellung von Frauen und Männern in Beruf und Gesellschaft im Grundgesetzt verankert.

Die Realität sah aber anders aus, zu tief steckten tradierte Rollenmechanismen in den Verhältnissen zwischen den Geschlechtern. Darauf machten engagierte Frauen wie Marianne aufmerksam und forderten ihre Rechte ein. Sie haben damit in den vergangenen Jahrzehnten einiges erreicht. Inzwischen ist es selbstverständlicher, dass es erfolgreiche Regisseurinnen gibt, Kamerafrauen, Frauen, die Betriebe führen oder U-Bahnen durch die Tunnel lenken. Und es gibt immer mehr Männer, die von der Möglichkeit der Elternteilzeit Gebrauch machen.

Marianne hat für die Rechte der Frauen gekämpft, aber sie wollte nie, dass Frauen nun noch bessere, noch effektivere und noch erfolgreichere Männer werden. Sie glaubte daran, dass Frauen aus der Geschichte unserer Zivilisation etwas mitbringen, das Männern, in anerzogener Konkurrenz, fehlt. Sie wollte nicht nur Gleichstellung und gerechte Aufgabenverteilung, die es Frauen ermöglichen, sich zu entfalten, sie wollte eine wärmere Gesellschaft. Eine Welt, in der Frauen und Männer gemeinsam an Strukturen für die friedliche und gerechte Zukunft ihrer Kinder und kommender Generationen arbeiten.

Utopien brauchen Zeit, um in die Realität einzudringen, das wusste Marianne auch.

Bürgerschaftliches Engagement. 1975 reist Marianne, bereits hochschwanger, immer wieder von München nach Straubing in die elterliche Wohnung. Sie engagiert sich in einer Bürgerinitiative, die sich für den Erhalt historischer Bauten im westlichen Stadtzentrum Straubings einsetzt, die im Zuge einer Stadtsanierung abgerissen werden sollen. Teils gotische Bauten, ganze Gassen mit kleinen Handwerksbetrieben und Läden sollen der Abrissbirne zum Opfer fallen. Marianne liebt dieses Ensemble und wehrt sich dagegen, dass ein gewachsenes Viertel geschleift und mit Gebäuden verbaut werden soll, die höhere Renditen versprechen. Im Zuge des Protests entsteht in Zusammenarbeit mit der Bürgerinitiative ein Film mit dem Titel 'Leibbrandplan'. Leibbrand war der Name des beauftragten Stadtplaners. Ich habe diesen Film leider nie gesehen. Es könnte lohnenswert sein, nach dem Verbleib zu forschen, der Film ist gewiss ein interessantes Dokument der Straubinger Stadtgeschichte. Er ist seinerzeit im Bayrischen Fernsehen gezeigt worden.

Im November 1975 wird die Tochter Nurith-Hayat geboren. Nurith ist ein hebräischer, ein israelischer Name und bedeutet 'Lichtblume', Hayat kommt aus dem Arabischen und heißt übersetzt 'Leben'. Marianne und Gérard wollten mit dieser Namensgebung symbolisch ein Zeichen für die Aussöhnung der Israelis, der Palästinenser und der arabischen Welt setzen. Das war beiden ein Herzensbedürfnis.

Nurith ist die Patentochter von Beate Rose und mir, nicht mit Taufe oder Papieren, Marianne und Gérard haben uns einfach gefragt, ob wir die Paten sein wollen: 'Ja', und so ist es geblieben.

Marianne erlebt nun die Doppelbelastung als berufstätige Frau und Mutter. Gérard hilft, wo er kann. Er wechselt Windeln, man teilt sich die Zeit, aber alles kann man nicht teilen, zum Beispiel das Stillen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Gérard einmal empört sagte 'es ist einfach ungerecht, dass Männer keine Milch haben!'

Nurith-Hayat ist überall mit dabei. Im Schneideraum döst sie in einem Tuch an Gérards Brust, während Marianne an Drehbüchern arbeitet. Und 1977 ist sie bei den Dreharbeiten zu der legendären ZDF-Kinderserie 'Neues aus Uhlenbusch' in der Lüneburger Heide mit dabei – ein richtiges Filmkind. Später hat sie in Mariannes Filmen auch Rollen übernommen.

Für 'Neues aus Uhlenbusch' hat Marianne an den Drehbüchern mitgeschrieben und gemeinsam mit Gérard Regie geführt. Ich war damals Regieassistent, und ich war sehr beeindruckt, wie Marianne mit Kindern umgehen konnte, die ja die Hauptdarsteller waren. Kinder zu inszenieren ist eine große Kunst. Und ich erinnere mich, dass Marianne in den meisten der Filme - wir drehten damals sechs Teile - jeweils ein behindertes Kind mitspielen ließ, übrigens auch in ihren späteren Filmen. Sie war der Überzeugung, dass Behinderte, ob sie nun eine Hasenscharte haben, an Dow-Syndrom leiden, sprachgestört sind oder schielen, zum Leben dazugehören und deshalb ganz selbstverständlich in Filmen, besonders in Filmen für Kinder, einen Platz haben müssen. Das hat mich sehr beeindruckt, weil die Welt dadurch nicht so heil war, wie sie in Kinderfilmen gerne dargestellt wird.

Bürgerschaftliches Engagement, 1979. Marianne ist Mitinitiatorin einer Initiativgruppe, die die bedrückenden Zustände im sogenannten 'Zigeunerlager' in Hennenwöhrd – am gegenüberliegenden Donauufer vor den Toren Straubings gelegen – öffentlich anprangert und eine Verbesserung der Lebensumstände der dort lebenden Sinti verlangt. Die Bewohner des Lagers leben in feuchten und schimmligen Baracken aus der Kriegszeit, die hygienischen Verhältnisse sind katastrophal, in den Unterkünften gibt es keine Wasserstellen, bei Regen verwandelt sich das Gelände in einen Morast, in dem die Kinder bis zu den Kniekehlen im Schlamm versinken. Die meisten Kinder müssen die Sonderschule besuchen, da ihnen durch mangelnde Förderung die sprachlichen Voraussetzungen für die übliche Grundschule fehlen. Die Initiativgruppe stellt einen wohlbegründeten Antrag an die Stadt mit der Aufforderung, die Missstände abzuschaffen. Das Straubinger Kollegium Musicum unter Gerold Huber veranstaltet ein Konzert, um auf die Situation in Hennenwöhrd hinzuweisen. Marianne wendet sich an das 'Straubinger Tagblatt', beschreibt die Zustände und macht Vorschläge, was alles getan werden kann und soll. Die Initiative hat Erfolg. Es werden auf dem Gelände ordentliche Häuser gebaut, die in Hennenwöhrd lebenden Sinti werden als Arbeiter beim Bau ihrer neuen Wohnungen einbezogen und dafür entlohnt. Marianne hat 1979 dem Straubinger Tagblatt folgendes gesagt: 'Integration ist nicht durch Trennung der Familien und Unterbringung in Wohnsilos möglich, sondern durch schrittweises Einbeziehen der Zigeuner in unsere Gesellschaft.' So ist es auch gekommen. Durch das schrittweise Einbeziehen unter verbesserten Lebensbedingungen ist die Siedlung in Hennenwöhrd inzwischen aufgelöst worden – viele der Bewohner empfanden mit der Zeit, dass sie in einem Ghetto leben. Heute wohnen sie, über die Stadt verteilt, in Straubing in üblichen Wohnungen - wie andere Mitbürger auch.

Die Sinti aus Hennenwöhrd haben in mehreren Filmen Mariannes als Musiker mitgewirkt und mitgespielt. Sie hat immer Menschen ihrer Umgebung in ihre Arbeit miteinbezogen.

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