„Frieden ist zärtlich“

Zwischen 1993 und 1995 hat Marianne den Kinospielfilm 'Lilien in der Bank' gedreht, dessen Drehbuchentwicklung vier Jahre in Anspruch genommen hatte. Ein bildstarker Film zwischen Traum und Wirklichkeit, Marianne hat das Szenenbild Bild für Bild selbst gestaltet, jedes Detail musste stimmen. Präzise Kamera wie bei den meisten ihre Filme: Alfred Tichawsky. Eine hervorragende Besetzung, um nur einige zu nennen: Nina Hagen, Katharina Thalbach, Georg Thomalla, Werner Schneyder, Konstantin Wecker. Und der damals 12jährige Wenzel Brücher – er hat die Schauspielerei inzwischen zu seinem Beruf gemacht.

'Lilien in der Bank' ist ein sehr komplexer Film geworden, der dramaturgisch auf mehreren Erzählebenen arbeitet. Marianne hat stark verdichtet ihre Lebensthemen eingebracht: den Krieg und die permanente Rüstung, die Milliarden verschlingt; den fehlgeleiteten Umgang mit der Natur und die Folgen für die belebte Sphäre; die ausufernde Geldwirtschaft, deren Folgen wir in der Bankenkrise gesehen haben; das Verhältnis der Geschlechter und Generationen zueinander; das Hineinzwängen von Kindern und Jugendlichen in Schemata; und die Verantwortungslosigkeit, mit der Gesellschaften mit der Zukunft umgehen. Nichts sollte ungesagt bleiben.

Und das war – meiner Meinung nach - zu viel, zu viel für einen Film. 'Lilien in der Bank' ist vom Publikum nicht so angenommen worden, wie Marianne es sich gewünscht hatte. Nicht zu vergessen: zu Beginn der 90er Jahre waren durch den Anschluss der DDR und den Niedergang der Sowjetunion ganz neue Filmthemen in den Focus der Öffentlichkeit gerückt. Das passiert in der Filmwirtschaft mit ihren langen Vorläufen immer wieder und zeigt, auf welch brüchigem Eis Regisseurinnen und Regisseure arbeiten, wenn sie auch selbst die Produktion ihrer Filme übernehmen. Denn ein Kinofilm, selbst mit Fernsehbeteiligung und staatlicher Filmförderung, erfährt seine letztliche Refinanzierung an der Kinokasse.

1996 bekam Marianne einen Ruf als Gastprofessorin an die Hochschule für Film und Fernsehen 'Konrad Wolf' in Potsdam/Babelsberg bei Berlin. Die Arbeit hat ihr Freude gemacht, sie war eine mitreißende Pädagogin und sehr beliebt bei ihren Studenten. 1998/99 hätte die Gastprofessur in eine ordentliche Professur umgewandelt werden sollen. Dazu ist es durch Mariannes Krebserkrankung nicht mehr gekommen.

Marianne Rosenbaum ist am 29. Oktober 1999 im Alter von 59 Jahren gestorben.

Drei Jahre vor ihrem Tod wurde sie in einem Interview nach ihrer Vision, ihren Wünschen für die Zukunft gefragt. Sie gab zur Antwort: 'Dass Menschen liebevoll und behutsam miteinander umgehen, dass die Grenzen beweglich sind; dass wir erkennen, dass alles in Bewegung ist, dass wir uns jeden Tag neu überlegen, wie es weitergeht, dass wir unsere Gesetze neu überdenken, unser Verhalten reflektieren. Dass wir unseren Lebenslauf nicht als Käfig und vorgetimed akzeptieren: erst Kindergarten, dann Vorschule, Schule, vielleicht Universität, dann irgendwann Pensionsberechtigung - und dann bist Du tot. Dass wir noch mit 80 Jahren studieren können, wenn wir wollen. Dass wir Wünsche wünschen lernen und dabei wissen, dass Wünsche Konsequenzen haben, wie Gedanken, die wir denken - und Wörter, die wir aussprechen. Diese Konsequenzen sind die ideellen Gebäude der Zukunft.'

'Ideelle Gebäude der Zukunft', das sind eben auch Schulen – so hat Marianne Rosenbaum es gemeint.

Ich danke Ihnen für Ihre Geduld, und für Ihre Aufmerksamkeit.

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